Mexiko

México – un año increible pa’ toda mi vida…

Globalisierung, one-world, Internet … immer wieder findet man diese Begriffe in den Medien und auch im Alltag. Doch wie gut kennen wir uns tatsächlich aus? Wie gut kennen wir die Welt und andere Länder?
MEXIKO – „klar, da weiß ich was drüber..“ So würden wohl viele reagieren, wenn man sie fragen würde und eine Reihe von Vorurteilen und Kenntnissen aufzählen. Allerdings ist diese Liste am Ende nicht wirklich lang – im Endeffekt wissen wir weniger über fremde Länder und die Welt als wir glauben.
Manche Bereiche dieses „Länderwissens“ mögen tatsächlich stimmen, andere hingegen nicht. Wollen wir doch einmal sehen inwiefern das bei Mexiko der Fall ist:

Mexikaner – Sombrero, Tequila und die geliebte Unpünktlichkeit

Sind die Begriffe die Ausländer am ehesten mit der mexikanischen Bevölkerung verbinden. Allerdings muss man hier doch sehr vorsichtig sein. Natürlich trifft man immer wieder auf den „typischen“ Mexikaner mit Sombrero, Stiefeln und Instrument in der Hand. Hierbei handelt es sich jedoch keineswegs tatsächlich um den in Alltag anzutreffenden Mexikaner, sondern um einen Mariachi. Dieser ist ein Mitglied einer Musikgruppe, die ursprünglich bei Hochzeiten gespielt hat und heutzutage zumeist für Touristen oder besonders im Westen des Landes auch bei privaten Feiern engagiert wird. Die meisten Mexikaner in den Städten tragen ganz normale Kleidung, wie wir in Europa.
An dem Gerücht der Unpünktlichkeit ist leider (oder zum Glück?!) wesentlich mehr dran. Anfangs bedeutet dies vor allem für die meisten Deutschen eine besonders große Umstellung, allerdings gewöhnt man sich relativ rasch daran, dass gerade abends die verabredete Uhrzeit wenn überhaupt als Orientierung fürs Abendessen daheim dienen kann. Gleichzeitig bedeutet dies jedoch auch, dass alles wesentlich entspannter abläuft und man nur allzu oft „mañana…“ („morgen“) zu hören bekommt. Allerdings bedeutet morgen nicht gleich morgen - oftmals kann damit auch eine Woche oder ein noch viel mehr gemeint sein. Aber wie gesagt, an all das gewöhnt man sich relativ schnell (einzig die Rückkehr ins pünktliche Deutschland kann sich dann manchmal als etwas komplizierter darstellen..).
Größere Unterschiede zur Gewohnheit in Deutschland stellt das Verhalten der Menschen untereinander dar.
Zu allererst sei gesagt, dass man, egal wo, fast immer mit offenen Armen empfangen wird. Gerade gegenüber Austauschschülern ist meist ein großes Interesse vorhanden. Trotz der überschwänglichen Herzlichkeit und Offenheit, darf man jedoch nicht den Fehler machen gewisse Ausdrücke oder Wörter genauso wie in Deutschland zu interpretieren. „amigo“ („Freund“) ist nicht gleich „amigo“: Vielerorts wird man gleich am Abend des Kennenlernens noch als Freund bezeichnet. Aber auch dies ist im Grunde kein Problem, sofern man sich nicht einbildet, dass dies auch bedeutet, dass man tatsächlich über das ganze Jahr wie ein guter Freund behandelt wird und sofern man ausgesprochene Versprechungen mit etwas Vorsicht behandelt. Allerdings gilt wie immer: Ausnahmen bestätigen die Regel und all dies mag vielleicht bei vielen zutreffen, aber es gibt auch eine Menge Leute, auf die man sich wirklich verlassen kann.
Noch kurz zur Schule: Man kann nicht unbedingt eine allgemeingültige Aussage über die Schule formulieren, da je nachdem auf welche Schule man geht es sehr unterschiedlich ablaufen kann. Viele Austauschschüler sind an privaten Schulen, andere aber auch an öffentlichen, die jedoch nicht zwangsläufig schlechter sein müssen. Die Klassenstärken unterscheiden sich meist wesentlich von denen in Deutschland: 50 Schüler in einer Klasse sind keine Seltenheit. Trotz dem haben sie meist einen sehr starken Zusammenhalt, der vor allem bei gemeinsamen Aktionen, zum Beispiel der Wahlen der Schülersprecher deutlich wird, da jede Abschlussklasse einen Kandidaten stellt. An die Schuluniform, die in vielen Schulen Pflicht ist, gewöhnt man sich relativ schnell und ehrlich gesagt ist sie vor allem morgens ziemlich praktisch J.

Mexiko – Strand, Palmen, Hitze und Atzteken

Das sind wohl mit die ersten Assoziationen, die einem in den Sinn kommen bei dem Begriff „Mexiko“. Natürlich gibt es Gebiete Mexikos bei denen dies durchaus zutrifft. Vor allem auf der Halbinsel Yucatan, aber ebenso an den anderen Küsten ist diese Beschreibung passend.

Auch in „meiner“ (Austausch-) Stadt, Mazatlán, im Bundesstaat Sinaloa am Pazifischen Ozean gelegen, ist dies zumindest im Sommer tatsächlich der Fall. Temperaturen von 35°C und eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit, die einem das ständige Gefühl vermittelt sich in einer Sauna zu befinden, waren keine Seltenheit.
Allerdings gibt es auch ganz andere Klima- und Landschaftszonen. Im zentralen Hochland kann es selbst im März noch schneien – eine Tatsache, mit der ich selber auf einer Reise doch sehr überraschend konfrontiert wurde. Und auch in den Küstenregionen kann es im Winter bis zu 10°C kalt werden, was in weitgehend ohne Heizung ausgestatteten Häusern doch eher kühl ist. Entsprechend unterscheiden sich auch die Landschaften: Von tropischen Mangrovenwäldern an den Küsten und Regenwäldern in Yucatan, über unzählige Kakteenarten in den Wüsten, bis hin zu Kiefernwäldern im nördlichen Hochland ist in diesem Land fast alles vertreten.
In der Nähe von Mexico City befinden sich einige Zeugnisse der Kultur der Azteken. Jedoch sind sie beileibe nicht die einzige Hochkultur, welche in Mexico gelebt hat. Neben den Mayas, die vor allem auf Yucatan und in Guatemala ihre Städte errichtet hatten, hinterließen auch die Olmeken, Zapoteken, Tolteken und viele weitere ihre Spuren überall in Mexiko. Heute trifft man teilweise immer noch Nachfahren dieser Kulturen an, wobei zu beachten ist, dass die Mehrheit der „Mexikaner“ sowohl Europäer als auch indigene Vorfahren haben, da sie sich über die Jahrhunderte sehr stark vermischt haben.

 

Mexiko – Tacos, Enchiladas und Tortillas

Im Grunde bezeichnen diese drei Begriffe sehr ähnliche Dinge: Tortillas sind die Mais- oder Mehlfladen aus denen ein Großteil der mexikanischen Gerichte besteht, wie eben beispielsweise die Tacos oder die gerollten Enchiladas, die in Soße „gebadet“ werden. Die Erwartung, dass es eben diese „Vorherrschaft“ der Fladen gibt, ist somit durchaus berechtigt. Allerdings in völlig anderer Weise, als die Gerichte, die es in Deutschland beim Mexikaner gibt. Der Unterschied ist sogar derart groß, dass ich mich über Wochen hinweg gewundert habe, wann ich denn Tacos zu Essen bekäme, da ich Tex-Mex-Tacos mit krossen Schalen erwartet hatte. Abgesehen davon unterscheidet sich die Küche natürlich auch lokal (z.B. Fisch und Shrimps). Manche Dinge sind unter Umständen etwas gewöhnungsbedürftig, aber auch hier gilt wieder: mit der Zeit lernt man es kennen und lieben, sodass ich die mexikanische Küche nach meinem Austausch durchaus sehr vermisst habe.

Mexiko – Drogen, Mafia und USA

Ganz aus der Luft gegriffen ist dieses Vorurteil natürlich auch nicht, wobei man trotzdem ein bisschen vorsichtig mit der Einschätzung sein sollte und, vor allem, Mexiko nicht deswegen sofort von seiner Liste potentieller Austauschländer streichen sollte. In manchen Gegenden kann es durchaus der Fall sein, dass durch Drogen gewissen Leuten mehr Macht verliehen wird als anderen und dadurch Spannungen entstehen. In diesem Fall wissen aber auch die Gastfamilien Bescheid, mit der Situation umzugehen und kennen die entsprechenden Verhaltensregeln (z.B. welche Viertel man eher meiden sollte, bestimmte Ausgehregeln etc.). Für gewöhnlich sind die „Streitereien“ auch nur unter den verschiedenen Familien und sofern man sich aus solchen Kreisen heraushält betreffen sie einen nicht. Jedoch ist es essentiell den Geboten der Gastfamilien Folge zu leisten, da diese schon ihr ganzes Leben dort leben und die Situation wesentlich besser einschätzen können als ein jugendlicher Austauschschüler aus einem anderen Land. Sofern man dies beachtet, steht einem super Austauschjahr nichts mehr im Wege.
Ein weiterer sehr interessanter Aspekt ist die Art und Weise wie die USA von den Mexikanern gesehen werden. Als Austauschschüler bekommt man hier, wie auch in vielen anderen Bereichen, Einblick in eine Welt oder ein Thema, das in den Medien oftmals nur sehr einseitig beleuchtet wird. Generell kann man sagen, dass eine Art „miteinander geht nicht – ohne einander aber ebenso wenig“ der Fall ist in Bezug auf die Beziehung zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten von Amerika.
Aber beachte: Amerika ist nicht gleich USA, sondern der gesamte Kontinent. Hier kann es empfindliche Reaktionen von Seiten der Mexikaner geben, wenn gegenteiliges behauptet wird.

Mexiko – Armut, Limousinen und Metropolen

US-Amerikanische Wägen (wer es sich leisten kann), Filme, Mode und Reisen in die Metropolen… all das und viele weitere Aspekte prägen und beeinflussen das tägliche Leben vor allem im Norden des Landes. Dabei ist aber auch nicht zu vergessen, dass dies nicht jeden betrifft. Viele Menschen haben nicht einmal das Geld in einem richtigen Gebäude zu leben, sondern müssen mit einer der vielen selbstgebauten Wellblechhütten in den Slums oder auch inmitten der Städte – eventuell sogar direkt neben Einfamilienhäusern?! – vorlieb nehmen. Sie haben kaum Mittel zum Leben, geschweige denn für ein – für unsere Maßstäbe – angenehmes Leben und trotzdem kann man eines mit Sicherheit sagen: Sie sind oft glücklich, obgleich sie nicht den neuesten hochauflösenden Flachbildfernseher mit Helligkeit- und Umgebungslichttemperaturmessung besitzen und genießen ihr Leben – vielleicht oder sogar sehr wahrscheinlich mehr als viele Menschen in den Industrienationen die, wenn man es genauer betrachtet, doch alles haben. Trotz oder vielleicht gerade wegen der weit verbreiteten Armut gibt es natürlich auch die sehr reiche Bevölkerungsschicht, von der ein Großteil oftmals in bewachten Vierteln lebt. Hier wiederum übersteigt deren Reichtum um ein Vielfaches den deutschen Durchschnitt. Somit ist es durchaus keine Seltenheit, dass in diesem so vielfältigen Land zwei verschiedene Welten aufeinander prallen und dadurch der Unterschied umso deutlicher wird.
In beeindruckender Weise ist dies auch in der Hauptstadt Mexiko- City, oder wie die Einheimischen sagen: D.F. (= „Distrito Federal“) oder ganz einfach México, der Fall. Wenn man die Stadt nicht kennt, kann man sich ihre Ausmaße nicht vorstellen. Mit über 20 Millionen Einwohnern ist sie eine der oder vielleicht sogar die größte Stadt der Welt – so genau kann das auf Grund der vielen in Armenvierteln lebenden Personen keiner sagen. Eine Stadt, so vielfältig wie das gesamte Land, die man erlebt haben muss um zu verstehen, was es heißt endlos durch die Stadt zu fahren mit dem Gefühl, dass sie bald enden müsste, nur um auf der nächsten Anhöhe festzustellen, dass mindestens ebenso viele Häuser vor, wie hinter einem liegen. Aber nicht nur die großen Metropolen haben ihren Reiz, auch die vielen kleineren Städte des ganzen Landes, wie beispielsweise die Kolonialstädte San Cristóbal de las Casas und Guanajuato, sind wunderschön.

Mexiko – Kirche, Allerseelen und uralte Bräuche

Über das Thema der Religion wird wahrscheinlich kaum jemand etwas wissen, sofern man sich nicht mit Mexiko beschäftigt hat. Dabei handelt es sich hier um einen durchaus sehr beeindruckenden Teilbereich der mexikanischen Kultur. Die meisten Mexikaner sind heute katholisch, wobei auch der Anteil der Protestanten stetig zunimmt. Etwas besonderes ist, wie sich die Menschen im Süden des Landes (z.B. in Chiapas) an den, von den Spaniern „importierten“ Glauben angepasst haben ohne ihre ursprüngliche Religion völlig aufzugeben. In manchen Kirchen kleiner Dörfer wird dies sehr gut deutlich. Von außen lässt sich kein Unterschied festellen, sobald man jedoch eintritt wird man überrascht: Keine Bänke, sondern nur auf dem Boden verteilter Reisig prägen das Bild der Kirche. Desweiteren stehen auf den Seiten unzählige kleine Tische mit Statuen, die jeweils von bestimmten Familien verehrt werden und vor denen dann auch Opfergaben und Rituale stattfinden.
Ein außergewöhnlicher Tag im Jahr ist der 1. November: Allerheiligen ist im Gegensatz zu den Bräuchen hierzulande in keinster Weise ein trauriges Fest, sondern überaus fröhlich und hat seine Ursprünge in der aztekischen Tradition. Es werden Altäre für die Verstorbenen mit ihren Lieblingsspeisen errichtet. Die Überlieferung sagt, dass die Seelen nachts zurückkommen und davon speisen. Für Kinder gibt es unzählige Süßigkeiten, wie zum Beispiel Totenköpfe aus Zucker.

Mexiko – Fiesta, Lebensfreude und Christbaumschmuck an Palmen

Der „dia de los muertos“ (Allerheiligen) ist jedoch beileibe nicht der einzige Feiertag im Jahr. Mexikaner wissen durchaus zu feiern und nutzen dies zu jeder sich bietenden Gelegenheit.
Die Menge der Feiertage ist nur schwer überschaubar und somit möchte ich nur einige besonders bedeutende ansprechen. Am 16. September wird die Unabhängigkeit Mexikos gefeiert. Dies ist mit eines der größten Feste überhaupt und wird am Abend vorher, vor allem von den Jugendlichen bis zum Morgen, zum Beispiel in Discotheken, gefeiert. In diesem Zeitraum wird auch der Nationalstolz der Mexikaner sehr gut deutlich: Alle Straßen und Häuser sind über und über mit Flaggen und in den Nationalfarben grün, weiß und rot geschmückt. Abgesehen von diesem Tag werden auch weitere geschichtlich bedeutende Daten gefeiert, wie beispielsweise der Tag der mexikanischen Revolution (20.November). An Weihnachten kann es einem dann auch schon mal passieren, sofern man an der Küste lebt, dass auf einmal große, stattliche Palmen mit Weihnachtsschmuck behängt sind – ein für deutsche Augen etwas gewöhnungsbedürftiger Anblick ;-).
Ansonsten ähneln die christlichen Feiertage zumindest grob der Ausführung in Deutschland. Silvester wird meistens bis Mitternacht mit der Familie verbracht, um danach dann oftmals bis zum Sonnenaufgang mit Freunden feiern zu gehen.
Einer der bedeutendsten Momente in der Jugend eines Mädchens ist ihr 15. Geburtstag, da er mit einem unglaublichen Aufwand, vergleichbar mit dem der Sweet-16-Parties in den USA, gefeiert wird. Der Ursprung geht auch hier viele Jahre zurück, als dies die offizielle Vorstellung und Einführung des Mädchens in die Gesellschaft und somit auch ab dem Zeitpunkt die Möglichkeit der Heirat gegeben war. Auch andere Familienfeiern, wie zum Beispiel Hochzeiten und Geburtstage, werden oft und gerne gefeiert.
Allgemein kann man sagen, dass auch in Bezug auf die Feiern das Temperament der Mexikaner sehr deutlich wird und man mit ihnen immer eine Menge Spaß haben kann J.

Mexiko – das ideale Austauschland?

Für mich war es wohl eines der lehrreichsten und interessantesten Jahre meines Lebens und ich bereue in keinster Weise dort hingegangen zu sein. Zwar mag es manchmal etwas komplizierter und anspruchsvoller sein, als in einem eher europäischen Land, wie beispielsweise den USA, aber diese Mühe ist es eindeutig wert. Ihr solltet euch aber auch immer vor Augen halten, dass das wichtigste, um in eine Kultur einzutauchen und mit den Menschen in Kontakt zu kommen, das Erlernen der Sprache und die Bereitschaft sich auf Land und Leute einzulassen ist. Sobald ihr dies beherrscht und berücksichtigt, wird vieles wesentlich leichter und sei es nur, dass man für Taxifahrten nicht mehr den Fahrpreis für Touristen sondern den der Einheimischen bezahlt.
Und noch etwas: Auch wenn es einmal nicht so gut läuft, nicht den Mut verlieren! Das gehört, wie immer im Leben dazu und es wird sicherlich relativ bald wieder besser J!
Wenn du noch Fragen hast, schreib mir einfach =).

Lea Mulas
(Mexiko 07/08)