Brasilien





Um ano no Brasil … Ein Jahr Brasilien …
Ein paar „How-to-survive-in Brasil“- Tricks und einige Tipps zum Austausch allgemein

„Was willst du denn ein Jahr in Brasilien?“, „Bist du verrückt, du kannst ja nicht mal Portugiesisch, wie willst du dich da nur zurechtfinden?!“ Das sind so die ersten Kommentare, die wohl jeder zu hören bekommt, wenn er Verwandten und Freunden erzählt, dass er mit Rotary ein Jahr nach Brasilien gehen wird. Mir ging es da nicht anders.
Diese Bemerkungen machten mich natürlich anfangs ein wenig nachdenklich, es kamen Zweifel auf.... „Werde ich es wirklich schaffen ein Jahr in einem Land zu leben, über das ich jetzt noch nicht mehr weiß, als dass von dort die besten Fußballspieler und der bunteste und berühmteste Karneval der Welt kommen?“ „Kann ich tatsächlich eine Sprache lernen, in der ich jetzt noch nicht mal danke sagen kann?“ ...

Aber je länger ich mir das alles überlegte, desto bewusster wurde mir, dass ich diese Herausforderung, die mir Brasilien bot unbedingt annehmen wollte. Und dass dieses Jahr wahrscheinlich die größte Chance meines Lebens ist, die Menschen und die Kultur auf der anderen Seite der Welt kennenzulernen. Wenn ich nicht ginge, hätte ich nie wieder die Möglichkeit ein Land als „Mitbürger“ und nicht nur als simpler Tourist zu erleben. Also weit mehr von diesem Land kennen zu lernen, als die touristischen Anlaufpunkte, wie den Christo in Rio oder die riesigen Wasserfälle von Iguacu. Ich würde in diesem Land leben, es fühlen, fast eine Brasilianerin sein ....Und mit diesen Vermutungen lag ich dann auch gar nicht so falsch ...

Um euch einen Vorgeschmack auf das wunderschöne Brasilien zu geben und um euch ein bisschen vor den Fettnäpfchen zu warnen, in die man dort viel zu leicht hineinfallen kann, will ich euch über meine Austauscherfahrungen von dort berichten, über die vielen, vielen unvergesslichen Momente und Erfahrungen, die natürlich oft auch nicht einfach waren, aber aus denen ich so viel lernen durfte.

Der Beginn - Familie und Sprache

Der Beginn in Brasilien war für mich überraschend einfach. Meine Familie war super süß und total herzlich und mit meinen bescheidenen Spanischkenntnissen (auch Französisch ist hilfreich) und dem guten Englisch von meinem Gastbruder (was in Brasilien jedoch nicht selbstverständlich ist) war unsere Kommunikation von Anfang an möglich und großteils sehr unterhaltsam.;). Aber auch mit Menschen die kein Englisch konnten war es erstaunlicherweise relativ gut möglich sich mit Einsatz von Händen und Füßen zu verständigen. Auch wenn es anfangs sehr schwierig ist überhaupt irgendetwas von der Sprache zu verstehen lernt man von Woche zu Woche dazu bis es mit der Zeit einfach immer besser klappt – man braucht jedoch viel Geduld und darf nicht aufgeben! Die Gastfamilie ist übrigens meistens der beste Lehrer!

Schnell lernte ich, wie eine brasilianische Familie funktioniert. In Brasilien bedeutet die Familie sehr viel. Deswegen ist es als „Neuer“ schwierig als Tochter/Sohn aufgenommen zu werden. Auch wenn dich deine Gasteltern sicher über alles lieben. Und das tun die aller meisten wirklich von ganzem Herzen, denn Brasilianer lieben Ausländer und ganz besonders Deutsche, was einen anfangs oft zur Attraktion in der Schule macht!

Umgang mit Witzen über Deutschlands Vergangenheit

Auf der anderen Seite muss man sich aber durchaus auch mit Fragen und Witzen über Hitler und Nazideutschland auseinandersetzen. Wie man damit umgeht, d.h. ob man über die Witze lacht oder ob man den Leuten erzählt, dass man Witze über Deutschlands Vergangenheit nicht angebracht findet, liegt wohl auch im eigenen Ermessen.

Schule

Ansonsten ist die Schule in Brasilien anders als in Deutschland und deswegen sehr interessant und gleichzeitig auch die beste Möglichkeit um Freunde zu finden und Portugiesisch zu reden, auch wenn es manchmal vielleicht verführerischer klingt auszuschlafen.

Vielseitiger Vielvölkerstaat

Durch den oft (meiner Meinung nach unnötig) kritisierten Familienwechsel konnte ich an meinen verschiedenen Gasteltern sehr schön sehen, wie vielfältig die brasilianische Kultur und wie unterschiedlich die Menschen dort sind. So lebte ich bei patriotischen „Gauchos“ (Name für Leute aus Rio Grande do Sul, dem südlichsten Bundesstaat in Brasilien) und den lebenslustigen, lebendigen Brasilianern aus dem Nordosten.
Diese Mischung, die Brasilien so vielfältig und interessant macht, ist auch das was ich am meisten an diesem Land liebe. Trotz Brasiliens sehr, sehr junger Geschichte (Entdeckung: 1500)  ist dieses Land ein „melting point of cultures“ geworden. Afrikanische, spanische, portugiesische, deutsche, japanische oder polnische Einflüsse sind nur ein paar der erkenn- und spürbaren Einflüsse.

Außerdem ist „Brasil“ wegen seiner Größe (ca. so groß wie Europa) geographisch unglaublich abwechslungsreich und wunderschön. Egal ob am Meer, in Städten wie Natal, Salvador oder Florianópolis (wo ich im Austausch war J ), im Landesinneren wie zum Beispiel in Brasilia, Campo Grande oder Cuiabá, im Amazonas oder in Großstädten mit viel Kultur wie Rio, Sao Paulo oder Curitiba, überall ist etwas geboten, überall gibt es immer etwas Neues zu entdecken und überall leben Leute mit einem glücklichen Glitzern in den Augen und Samba im Blut. Egal wie arm oder reich sie sind.

Stolz und Lebensfreude

Ich glaube diese brasilianische Leichtigkeit und Freude am Leben kommt vor allem daher, dass Brasilianer so unendlich Stolz auf ihr Land sind und ihr Leben nehmen so wie es kommt, mit viel Spontanität, Gelassenheit und Freude. Anfangs war es fast komisch und ungewohnt zu sehen, wie sehr ein Volk sein Land lieben kann und wirklich, echten Stolz empfindet, denn das ist etwas was es in Deutschland absolut nicht gibt. Das zeigte mir jedoch auch, dass man mit weniger oft genauso glücklich ist, wenn man einfach sein Leben annimmt und sich nicht immer über Politik, Stress und Arbeit den Kopf zerbricht. (Dies ist meiner Meinung nach auch der Grund von Heimweh – Nehmt euren Austausch so wie er kommt und habt keine großen Erwartungen, dann werdet ihr wenig über zuhause nachdenken und es somit auch nicht vermissen).

Weihnachten, Silvester und Sommer

Etwas anderes, was in Deutschland undenkbar wäre, ist Weihnachten bei 30°C im Schatten, oder Silvester im weißen Sommerkleidchen am Strand. Es ist toll so etwas einmal erlebt zu haben. Letztendlich ist es zwar Geschmackssache, ob einem kitschige Weihnachtsmänner mit dickem Wintermantel im Hochsommer gefallen oder nicht, aber eine Erfahrung ist es trotzdem auf jedenfall wert. Übrigens eine Erfahrung die sicher kein Heimweh macht!
Überhaupt ist der Sommer in Brasilien - die zweieinhalb Monate Sommerferien von Mitte Dezember bis Ende Februar - die Hochsaison dort, was nicht zuletzt auch am Fasching liegt. Alle verreisen an den Strand, gehen surfen, schlürfen Kokosnuss-Wasser und Caipirinha, tragen kleine Bikinis und werden braun ;) Eine tolle Erfahrung, an die man sich gerne auch Jahre nach meinem Austausch erinnere.

Brasiliens Probleme

Aber wie in jedem Land, gibt es natürlich auch Erfahrungen die einen eher weniger ins Träumen versetzen: Als deutsch sprechender und für brasilianische Verhältnisse oft sehr wohlhabender Tourist ist man natürlich auch ein sehr erfreuliches Ziel für Diebe und arme Menschen, die Tag und Nacht in Städten herumlaufen und Mülltonnen nach Essen durchsuchen, weil sie zu arm sind um sich etwas zu kaufen. Auch das ist ein Grund möglichst schnell die Portugiesische Sprache zu lernen um weniger aufzufallen.

Auch die Größe des Landes bringt natürlich seine Schwierigkeiten mit sich. So sind die Gegensätze zwischen Arm und Reich, zwischen fortgeschrittenen Industriestätten und verarmtem Hinterland, zwischen wohlhabenden Ferrarifahrern bzw. Touristen und Menschen die täglich betteln müssen, zwischen trockenen, öden Wüsten mit Wassermangel im Nordosten und regenreichen Überschwemmungsgebieten im Amazonas, trotz dem wirtschaftlichem Aufschwung im Land noch deutlich sichtbar und bringen nicht selten Konflikte hervor.

Aber genau das, nämlich die negativen Erfahrungen und Probleme im Austausch zu verkraften und aufzunehmen prägt euch genauso wie die tollen Erfahrungen durch neue Freundschaften, Reisen mit Rotary, und einfach auch die Entfernung von Zuhause.

Austausch – Die beste Zeit in meinem Leben?

Wie euer Austausch verläuft, was ihr daraus macht und mit was für einem Gefühl ihr das Land nach einem Jahr wieder verlasst, hängt natürlich großteils auch von euch ab. Aber genauso wie ich nicht wusste worauf ich mich einlasse und es trotzdem geschafft habe könnt ihr es auch schaffen. Seid offen, freundlich, anfangs vielleicht auch lieber vorsichtiger und beobachtet wie sich die Leute verhalten / was sie vielleicht auch von euch erwarten, habt keine Scheu Fehler in der Sprache zu machen während ihr Portugiesisch lernt, und genießt eure Zeit, dann werdet ihr mit Sicherheit eine wahnsinnig interessante, spaßige und einzigartige Zeit erleben, die euch niemand mehr nehmen kann und an die ihr immer zurückdenken könnt.

Lillemor, Michael